KI im Betrieb5 Min
„Über die Hälfte aller Jobs bis 2030“? Bei McKinsey steht etwas anderes
Kursiert
Kursierende Behauptung, so nicht haltbar:
„… bis 2030 mindestens 57 % aller Arbeitsstunden, also über die Hälfte aller Jobs, vollautomatisiert … sagt … die aktuelle McKinsey Studie“
Urteil:Falsch übertragen
Die Zahl 57 Prozent wird gerade als Beleg herumgereicht, dass KI bis 2030 mehr als jeden zweiten Job erledigt. Ich habe sie bis in den Bericht zurückverfolgen lassen. Dort geht es um Arbeitsstunden in den USA und um das, was heute technisch ginge, und McKinsey schreibt selbst, das sei keine Prognose für Jobverluste.
Für: Inhaberinnen und Inhaber und alle, die Zahlen über KI und Jobs weitererzählen · 5 Quellen: 4 belegt, 1 behauptet · Quellen
In einem Satz
Wenn eine KI-Zahl von Jobs spricht, frag zuerst, ob da Stunden, Aufgaben oder Menschen gezählt wurden.
Meine KI-Agenten werten jeden Tag Podcasts, Videos und Fachartikel für mich aus, und Anfang Oktober stand in einer dieser Auswertungen ein Werbespot. Mitten in einer Podcastfolge lief Werbung für eine KI-Weiterbildung, und laut den automatischen Untertiteln heißt es dort, bis 2030 würden „mindestens 57 % aller Arbeitsstunden, also über die Hälfte aller Jobs, vollautomatisiert“, das sage „die aktuelle McKinsey Studie“. Angehört habe ich den Spot selbst nicht, ich kenne ihn nur aus der Abschrift (den Namen des Anbieters lasse ich weg, um den geht es hier nicht). Um die Zahl schon.
Die Studie gibt es, und die 57 stehen auch drin. Nur sagt der Bericht an dieser Stelle etwas ziemlich anderes als der Spot.
Was bei McKinsey wirklich steht
Der Bericht heißt „Agents, robots, and us: Skill partnerships in the age of AI“, das McKinsey Global Institute hat ihn am 25. November 2025 veröffentlicht. Der Satz mit der Zahl lautet: „We estimate that today’s technology could, in theory, automate about 57 percent of current US work hours.“ Und damit es niemand falsch versteht, steht im selben Bericht auch: „This estimate reflects the technical potential for change in what people do, not a forecast of job losses.“
Man musste dafür nicht mal Englisch lesen. Die deutsche Pressemitteilung vom 2. Dezember 2025 hat die Überschrift „70 Prozent der gefragtesten Fähigkeiten bleiben trotz KI und Robotik relevant“ und schreibt zu den 57: „57% der heutigen Arbeitsstunden in den USA sind technisch gesehen bereits automatisierbar.“ Und sie schreibt auch: „Dies muss jedoch nicht zu einem massiven Wegfall von Arbeitsplätzen führen“. Zahlen für Deutschland nennt sie keine.
Vier kleine Verschiebungen ergeben eine andere Aussage
Zwischen Bericht und Werbespot ist die Zahl an vier Stellen verrutscht, und jede Stelle wirkt für sich genommen harmlos. Aus Arbeitsstunden werden Jobs, und das passiert in einem einzigen Wort, dem „also“. Stunden und Jobs sind aber zwei verschiedene Dinge, ein Dachdecker, dem eine Software Aufmaß und Angebot abnimmt, sitzt weniger am Schreibtisch und steht trotzdem auf dem Dach. Aus „today’s technology“ wird „bis 2030“. Aus den USA wird gar kein Land mehr, und wer hier zuhört, denkt sich leicht Deutschland dazu. Und aus „could, in theory“ wird „vollautomatisiert“ (aus „about“ nebenbei auch noch „mindestens“).
Übrig bleibt eine echte Zahl mit einer Aussage, die so in keinem Bericht steht.
Für 2030 rechnet derselbe Bericht mit knapp der Hälfte
Spannend finde ich, dass McKinsey sehr wohl etwas über 2030 sagt, nur eben nicht mit den 57. Für seine Wertrechnung nimmt der Bericht im mittleren Szenario an, dass „roughly 27 percent of current work hours will be automated by 2030“, wieder in den USA, mit einem wirtschaftlichen Wert von rund 2,9 Billionen Dollar. Das ist knapp die Hälfte der Zahl aus dem Werbespot, und auch das ist eine Annahme für ein Szenario, keine Messung.
Der Befund, den McKinsey selbst nach vorn stellt, ist ein anderer: „More than 70 percent of the skills sought by employers today are used in both automatable and non-automatable work.“ Die meisten Fähigkeiten, die heute gefragt sind, braucht man also auch bei der Arbeit, die keine Maschine übernimmt. Für einen Werbespot ist das natürlich die langweiligere Zahl.
Neu ist das Muster übrigens nicht. Frey und Osborne haben 2013 in Oxford geschätzt, „about 47 percent of total US employment is at risk“, gerechnet für 702 Berufe und bezogen auf „some unspecified number of years, perhaps a decade or two“. Im selben Papier steht: „we make no attempt to forecast future changes in the occupational composition of the labour market.“ Goldman Sachs schrieb im April 2023, die Umbrüche durch generative KI „could expose the equivalent of 300 million full-time jobs to automation“, und gleich dazu, die meisten Jobs seien „more likely to be complemented rather than substituted by AI“. Beide Zahlen stehen auf meiner Liste von Zahlen, die ich so nicht mehr weitergebe, und zwar in der Fassung, in der sie mir begegnet sind: „48,5 % der Jobs fallen in 20 Jahren weg“ und „300 Millionen Jobs vernichtet“. Wer „könnte betroffen sein“ mit „fällt weg“ verwechselt, hat den halben Weg zur falschen Schlagzeile schon hinter sich.
Bleibt die Frage, warum ausgerechnet ein Weiterbildungsanbieter die größere Zahl erzählt. Wer Kurse gegen die Angst vor dem Jobverlust verkauft, hat halt ein Interesse daran, dass diese Angst groß ist. Das heißt nicht, dass da jemand lügt, vielleicht wurde die Zahl auch einfach irgendwo abgeschrieben. Das passiert Leuten ohne Kursangebot genauso, mir eingeschlossen.
Was das für deinen Betrieb heißt
Die Frage „Wird mein Job ersetzt?“ hilft einem Betrieb mit zehn Leuten wenig. Nützlicher ist die Frage, die McKinsey eigentlich stellt, nur eine Nummer kleiner: Welche Stunden sind bei uns Routine, Angebote abtippen zum Beispiel oder Termine hin- und herschieben, und wer schaut nach, was eine Maschine daraus macht? Darauf hat jeder Betrieb seine eigene Antwort, und keine davon steht in einem Bericht über US-Arbeitsstunden.
Wenn dir eine Zahl über KI begegnet, bei der du dich fragst, ob die so stimmt, schick sie mir über die Kontaktseite oder ruf an, 0157 73953819. Vielleicht landet sie in einer der nächsten Folgen. Und wer erst mal sortieren will, wo KI im eigenen Betrieb überhaupt eine Rolle spielt, findet in der Selbsteinschätzung ein paar Fragen dazu.
Zitierfähige Fassung
Laut McKinsey Global Institute (November 2025) wären mit heutiger Technik rund 57 % der US-Arbeitsstunden technisch automatisierbar. McKinsey schreibt selbst, das sei keine Prognose für Jobverluste. Für 2030 nimmt der Bericht im mittleren Szenario an, dass rund 27 % der US-Arbeitsstunden automatisiert sind.
Zum Zitieren den Satz markieren und kopieren.
Wo ich nachgesehen habe
5 Quellen: 4 belegt, 1 behauptet · Was die Belegstufen heißen
McKinsey Global Institute, „Agents, robots, and us: Skill partnerships in the age of AI“, 25.11.2025
belegt
rund 57 % der heutigen US-Arbeitsstunden technisch automatisierbar, „not a forecast of job losses“; für 2030 im mittleren Szenario rund 27 % der Arbeitsstunden
belegt
nennt die 57 % ausdrücklich als US-Arbeitsstunden, keine Zahlen für Deutschland
Carl Benedikt Frey, Michael A. Osborne, „The Future of Employment“, Oxford, 17.09.2013
belegt
rund 47 % der US-Beschäftigung „at risk“, über „perhaps a decade or two“, ausdrücklich keine Prognose der Berufsstruktur
Goldman Sachs, „Generative AI could raise global GDP by 7%“, 05.04.2023 (Briggs, Kodnani)
belegt
Zusammenfassung der Bank, den Bericht selbst habe ich nicht gelesen
Werbespot eines KI-Weiterbildungsanbieters mitten in einer Podcastfolge, Oktober 2026
behauptet
in Tills Quellenauswertung dokumentiert (automatische Untertitel); Anbieter und Sendung bewusst nicht genannt
Was ich nicht geprüft habe: Den Werbespot habe ich nicht selbst angehört, ich kenne ihn aus den automatischen Untertiteln der Folge. Ob die Zahl in dieser Fassung auch in deutschen Medien kursiert, habe ich nicht geprüft. Bei Goldman Sachs habe ich nur die Zusammenfassung der Bank gelesen, nicht den Bericht. Die beiden McKinsey-Seiten ließen sich nicht direkt herunterladen; gelesen habe ich sie über ein Abrufwerkzeug, das die zitierten Sätze herausgesucht hat, die Methodenteile habe ich nicht im Einzelnen nachgerechnet.
Wie dieser Text entstanden ist
Den Werbespot haben meine KI-Agenten aus den automatischen Untertiteln der Folge in meine Quellenauswertung geschrieben, angehört habe ich ihn nicht. Für diesen Text hat eine KI (Claude) am 9. Oktober 2026 den McKinsey-Bericht, die deutsche Pressemitteilung, das Papier von Frey und Osborne und die Zusammenfassung von Goldman Sachs geöffnet, die Zitate herausgesucht und den Text in meinem Ton geschrieben.
Über den Autor
Ich bin Till Heidrich aus Tostedt, habe Geschichte und Politik studiert und verfolge Zahlen über KI und Digitales bis zum Original. Die Werkzeuge, über die ich in der Werkstatt schreibe, betreibe ich selbst.
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